Was bleibt, wenn wir genauer hinschauen?

Manche Erkenntnisse entstehen nicht aus Wissen. Sondern aus Erfahrung. aus Begegnungen, Entscheidungen, Umwegen und Momenten, die uns innehalten lassen.

 






Hier geht es um Gedanken und Einsichten, die sich mit der Zeit entwickeln. Um das, was wir lernen, wenn wir zuhören, beobachten und uns selbst ehrlich begegnen.

Denn manchmal liegt die Antwort nicht im nächsten Schritt, sondern in einem tieferen Verstehen.
 

07.    
Okt  
2026

Zwischen Erfahrung, Veränderung und dem Mut, neu zu beginnen

Über Generationen, (berufliche) Ängste und die Weisheit, nicht immer wissen zu müssen, wohin der Weg führt

Es gibt Brücken, die zwei Orte miteinander verbinden.
Und es gibt Brücken, die zwei Lebensphasen miteinander verbinden.
Manchmal führt uns das Leben dahin, dass wir selbst auf einer solchen Brücke stehen.
Schauen wir hinter uns, liegt da ein uns vertrautes Leben und schauen wir voraus, gehen wir in eine Zukunft, die wir noch nicht genau kennen.
Wir wissen bestenfalls, woher wir kommen, doch wir können nicht wissen, wohin unser Leben uns führen wird. 

Und spannenderweise befinde ich gerade selbst auf solch einer Brücke.
Mit 59 Jahren habe ich den Entschluss gefasst, mit meinem Mann von Österreich. nach Deutschland umzuziehen. Ein Schritt, den ich bewusst gewählt habe, und der dennoch viele Fragen mit sich bringt. 
Ein neues Zuhause. EIn neues Umfeld. Neue Begegnungen mit neuen Menschen. Neue berufliche Möglichkeiten und zugleich die Erkenntnis, dass man auch mit vielen Jahren Lebenserfahrung wieder an einen Punkt kommen kann, an dem vieles offen ist. 

Vielleicht ist das eine der größten Überraschungen des Lebens! Man kann sehr erfahren sein und sich dennoch wieder wie eine Anfängerin fühlen, wenn Erfahrung und Neuanfang aufeinandertreffen. 
 

Angst vor Geistern

In meiner Arbeit als Mentorin und Begleiterin von Frauen in Veränderungsphasen begegne ich immer wieder Menschen, darunter auch Führungskräften, die an einem ähnlichen Punkt stehen.

Nicht, weil sie unbedingt ihren Arbeitsplatz wechseln wollen. Manchmal verändert sich einfach ihre Rolle oder sie übernehmen als Führungskraft mehr Verantwortung. 
Manchmal beginnt eine neue Generation bisherige Strukturen in Frage zu stellen.
Und nicht selten ist es einfach eine innere Veränderung, die zu der Klarheit führt: "So wie bisher möchte und kann ich nicht mehr weitermachen!"

Was dabei oft sichtbar wird ist nicht zunächst der Wunsch nach Veränderung. Es ist die ANGST davor.

Die Angst, nicht zu genügen oder nicht genug zu sein.

Ein junger Mensch fragt sich vielleicht. "Bin ich kompetent genug? Kann ich den Erwartungen gerecht werden? Was passiert, wenn ich einen Fehler mache ?"

Erfahrene MitarbeiterInnen fragen sich möglicherweise: "Ist meine Erfahrung und mein Wissen noch gefragt? Kann ich mit den aktuellen Entwicklungen mithalten ? Was, wenn die Jüngeren mehr wissen als ich ?"

Und vielleicht kenne ich diese Fragen deshalb so gut, weil ich sie in meiner Veränderung neu betrachte.
Denn natürlich weiß ich, was ich kann. Ich kenne auch meinen Erfahrungsschatz. Ich weiß, welche Menschen ich begleitet habe und was ich in meinem beruflichen Leben aufgebaut habe.  Und trotz allem gibt es Momente, in denen sich eine leise Stimme meldet und fragt: "Und was, wenn dein bisheriger Erfahrungsschatz nicht ausreicht für das, was jetzt vor dir liegt?" 
Diese Frage ist sehr unbequem und auch ehrlich. 

Wir alle wollen dazugehören

Je länger ich Menschen begleite, desto mehr glaube ich, dass sich hinter vielen beruflichen Ängsten ein sehr menschliches Bedürfnis verbirgt.
Wir wollen dazugehören, wir wollen gesehen werden und wir wollen vor allem auch etwas beitragen. 

Wir wollen spüren, dass das, was wir können und geben einen Wert hat. 
Die Angst, nicht zu genügen, ist deshalb nicht unbedingt ein Zeichen mangelnden Selbstvertrauens. Manchmal ist sie schlicht Ausdruck davon, dass uns etwas wichtig ist. 
Und deshalb geht es für mich nicht in erster Linie darum, diese Angst loszuwerden, sondern vielmehr darum, zu lernen, mit ihr anders umzugehen. 

 

 

 



 

 

Die Weisheit der Erfahrung 

In unserer Gesellschaft und gerade auch im beruflichen Kontext begegnen sich heute verschiedene Generationen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen.
Und jede Generation bringt etwas mit, was die andere braucht und einander wunderbar ergänzen kann. 

Bei Jüngeren stellen sich Fragen wie: 
"Warum machen wir das auf diese Art und Weise ?"
Sie bringen neue Perspektiven, andere Sichtweisen und häufig eine große Selbstverständlichkeit im Umgang mit Veränderung und Technologie.

Ältere Generationen bringen Antworten und können aus Erfahrungen mit SItuationen erzählen, die sich nicht wiederholen lassen. Sie wissen, wie sich Krisen anfühlen und haben erlebt, dass nicht jede Veränderung sofort gelingt. Und sie haben etwas gelernt, das in einer immer schneller werdenden (Arbeits-)welt leicht verlorengeht: Nicht alles muss sofort gelöst werden!

Das ist Weisheit.
Nicht alles zu wissen, sondern sich bewusst zu sein, dass man nicht alles wissen kann. 

Eine Brücke trägt in beide Richtungen

Meines Erachtens liegt genau darin die Kraft der Generationenvielfalt.
Eine Brücke verbindet beide Seiten und funktioniert nicht, wenn nur eine Seite darübergeht.  
Der erfahrene Mensch darf lernen und der junge Mensch darf lernen.
Der eine darf Fragen stellen, worauf beide gemeinsam Antworten finden dürfen.

Beide dürfen sich an Neues wagen und dabei werden sie feststellen: es macht uns nicht weniger kompetent, es macht uns menschlich. 

Was Veränderung mit uns macht

Mein eigener Neuanfang in Deutschland erinnert mich gerade daran, dass Veränderung selten linear verläuft.
Es gibt Tage, an denen sich ein neuer Weg aufregend anfühlt. Und es gibt Tage, an denen ich mich frage, warum Vertrautes nicht eigentlich hätte bleiben können. Und beides darf sein.
Vielleicht erwarten wir von uns selbst zu oft, dass wir Veränderungen sofort souverän meistern. Gerade Menschen mit viel Erfahrung glauben manchmal, sie müssten es besser wissen und kommen mit vorübergehender Orientierungslosigkeit schwer zurecht. 
Doch vielleicht trifft es genau das Gegenteil: Je mehr wir erlebt haben, desto eher dürften wir wissen, dass Unsicherheit zum Leben gehört!

 

Auch eine Mentorin darf auf der Brücke stehen

Das gehört vielleicht zu einer meiner persönlichsten Erkenntnisse meines eigenen Neuanfangs.
Ich begleite Menschen, die beruflich oder persönlich an Schwellen stehen.
Ich stelle Fragen, unterstütze und ermutige.
Ich helfe dabei, Perspektiven zu verändern. 
Und trotz allem muss auch ich manchmal innehalten und mich fragen: 
Was ist mein nächster Schritt ?
Ich empfinde das inzwischen überhaupt nicht mehr als Widerspruch. Ganz im Gegenteil. Ich finde, gerade weil es meinen persönlichen Werten entspricht, macht es meine Begleitung noch ehrlicher. 
Ich möchte nicht aus einer Position sprechen, in der ich behaupte, den Weg bereits zu kennen. Ich möchte Menschen begleiten, während sie ihren Weg finden. Und das ist ein großer Unterschied. Denn für mich bedeutet Mentoring genau das:  Nicht für den Anderen über die Brücke zu gehen. Sondern ihn mit seiner Einzigartigkeit auf seinem Weg ein Stück weit zu begleiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Brücke zwischen gestern und morgen

Mit 59 nochmals ganz bewusst einen Neuanfang zu wagen lässt mich auch anders auf berufliche Neuorientierung schauen. 
Besonders auf Frauen, die irgendwann in ihrem Leben an einem Punkt stehen, an dem sie sich fragen: "Was kommt jetzt noch ?"

Vielleicht ging gerade eine berufliche Rolle zu Ende oder es haben sich Prioritäten verändert. 

Vielleicht sind Kinder erwachsen geworden und gehen aus dem Haus.

Vielleicht ist sogar eine Beziehung zu Ende gegangen und eine Frau, die über viele Jahre "funktioniert" hat, spürt plötzlich: "Jetzt möchte ich herausfinden, was für mich richtig ist!"
Und auch das kann für eine gewisse Zeit ziemlich beängstigend sein.
Doch ist es nicht auch eine Form von Freiheit ?

Und genau deshalb kann ein Neuanfang mit 50, 55, 59 oder über 60 Jahren gut gelingen. Denn wir beginnen nicht bei Null, sondern mit Erfahrung. 

Auch ich weiß heute noch nicht, was diese neue Lebensphase mit mir machen wird. Und ich muss es auch heute noch nicht wissen. Für den Moment reicht es , 
den nächsten Schritt zu sehen. Und danach den nächsten. 

Was bleibt

Was ist Weisheit? Vielleicht ist Weisheit die Fähigkeit, mit offenen Fragen leben zu können. 
Zu akzeptieren dass wir nicht jede Entwicklung kontrollieren können. 
Zu vertrauen, dass unsere Erfahrung uns durch unbekanntes Terrain trägt. 

Und gleichzeitig offen genug zu bleiben, um immer Neues zu lernen. 
Als Mentorin erlebe ich diese Wahrheit bei anderen Frauen.
Und als Frau in einer neuen Lebensphase erlebe ich sie gerade selbst. 
Ich sehe darin auch eine sehr schöne Verbindung.Wir müssen nicht "fertig" sein, uim andere begleiten zu können. Wir dürfen selbst unterwegs sein.

Die Brücke

Irgendwann stehen wir alle auf einer Brücke. Zwischen dem, was war und dem, was werden möchte. Zwischen Erfahrung und Neugier, zwischen Sicherheit und Aufbruch. Zwischen der Angst, nicht zu genügen und dem Vertrauen, dass wir mehr sind als unsere Leistung.
Und gewiss brauchen wir auf dieser Brücke weniger Menschen, die uns sagen: "Du musst keine Angst haben".
Wir brauchen vielmehr Menschen, die sagen können: "Ich kenne diese Angst. Komm, wir gehen ein Stück gemeinsam!"
Das ist für mich heute Weisheit.
Nicht die Abwesenheit von Angst. Sondern die Bereitschaft, trotzdem weiterzugehen in der Gewissheit, dass alles gut werden wird.

Egal in welchem Alter. Mit Erfahrung, mit Fragen, mit Unsicherheit. Und. mit der Zuversicht, dass ein neuer Weg nicht deshalb weniger wertvoll ist, weil wir sein Ende noch nicht kennen.

Für mich ist das Leben keine gerade Straße, die wir möglichst erfolgreich entlanggehen müssen. Für mich besteht Leben bildlich gesprochen aus einer Folge von Brücken.  
Und manche der wichtigsten bauen wir erst, wenn wir den Mut haben, selbst hinüber zu gehen. 


 

 

©Astrid Schad-Gotschy 2025. Alle Rechte vorbehalten.

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