Werte zeigen sich nicht in Worten sondern im täglichen Miteinander
In dieser Kategorie geht es um Erfahrungen und Beobachtungen rund um Vertrauen, Zusammenarbeit, Kommunikation und Organisationskultur.
Und darüber, wie gelebte Werte unseren beruflichen Weg prägen, und sich darin zeigen, wie wir miteinander umgehen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.

20.
Aug
2026
Nicht jede Begegnung braucht sofort eine Lösung
Warum echtes Interesse am Gegenüber für mich am Anfang jeder guten Beziehung steht
Es gibt Begegnungen, nach denen ich in letzter Zeit immer wieder über eine Frage nachdenke:
Was passiert eigentlich, wenn wir einem Menschen eine Lösung anbieten, bevor wir wirklich verstanden haben, wo er gerade steht?
Wir leben in einer Zeit, in der wir zu glauben scheinen, dass alles schnell gehen soll. Kontakte entstehen schnell, Informationen sind sofort verfügbar und auch berufliche Netzwerke sind längst zu Orten geworden, an denen auf den ersten Blick sichtbar wird, wer was anbietet, kann oder sucht.
Das hat seine Berechtigung.
Und dennoch frage ich mich manchmal:
Wo bleibt dabei das echte Interesse am Menschen?
Ich möchte zuerst verstehen
Wenn mir jemand erzählt, was ihn gerade beschäftigt, interessiert mich zunächst noch lange nicht, was ich ihm anbieten könnte.
Sondern ich möchte wissen:
Wo steht dieser Mensch gerade?
Was beschäftigt ihn?
Was ist ihm wichtig?
Was hat für ihn gerade Priorität?
Und noch wichtiger:
Was braucht er im Moment möglicherweise überhaupt nicht ?
Für mich beginnt Beziehung beim genau Hinhören und nicht bei der Lösung.
Wir Menschen brauchen nicht immer sofort eine Antwort
Gerade in Veränderungsphasen wird das besonders deutlich. Wenn beruflich etwas in Bewegung kommt, wenn Entscheidungen anstehen oder wenn unterschiedliche Interesse aufeinandertreffen, wünschen wir uns aus der Gewohnheit heraus jemanden, der uns schnell sagt, was zu tun ist.
Doch nicht immer brauchen wir sofort eine fertige Antwort.
Manchmal ist es wertvoller, jemanden zu haben, der mit uns erstmal sortiert.
Jemanden, der aushält, dass noch nicht alles klar ist.
Jemanden, der uns hört, ohne gleich zu bewerten.
Und manchmal entsteht gerade daraus entwas Entscheidendes:
ORIENTIERUNG.
Nicht, weil jemand die Lösung für uns parat hält, sondern weil wir im Gespräch wieder Zugang zu unserem eigenen nächsten Schritt finden.
Beziehung vor Funktion
Diese Haltung begleitet mich im Alltag wie auch auf meinem beruflichen Weg.
Ob als KundIn, KollegIn, PatientIn, TeilnehmerIn oder MentorIn - Menschen sind für mich nie nur ihre Funktion oder Rolle.
Dahinter steht für mich immer ein Mensch mit seiner individuellen Geschichte, Erwartungen, Unsicherheiten und seinen eigenen Vorstellungen davon, was gerade wichtig ist.
Beim Lesen klingt das vielleicht selbstverständlich - in der Realität und im Alltag ist es das nicht immer.
Meine drei Leitgedanken
Je länger ich darüber nachenke, umso klarer wird mir, dass sich darin auch mein beruflicher roter Faden zeigt:
Klarheit schaffen
Wenn Vieles gleichzeitig auf uns Menschen einwirkt, dabei helfen, den roten Faden wiederzufinden.
Brücken bauen
Unterschiedliche Sichtweisen verstehen und Kommunikation ermöglichen.
Stabilität geben
Auch dann ruhig, strukturiert und zugewandt bleiben, wenn eine Situation anspruchsvoll wird.
Das bedeutet für mich jedoch nicht, keine Lösungen anzubieten.
Im Gegenteil. Zum richtigen Zeitpunkt kann in Anbetracht der Situation eine gute Lösung sehr wertvoll sein.
Doch sie sollte aus einem wirklichen Verständnis entstehen und nicht aus der Annahme, bereits zu wissen, was der Andere braucht.
Was ich mir für künftige Begegnungen wünsche:
Erst verstehen, dann handeln
Nicht jedes Gespräch braucht ein Ergebnis
Nicht jeder Kontakt muss einen Nutzen haben
Manche Begegnungen dürfen zunächst Eines sein:
EINE ECHTE BEGEGNUNG
Und vielleicht entsteht gerade daraus mit der Zeit noch etwas viel Wertvolleres:
VERTRAUEN

14.
Sep
2026
Noch 2 1/2 Jahre - oder schon unterwegs ?
Was berufliche Übergänge mit uns machen
Manchmal reicht in einer Begegnung ein kurzer Satz um bei mir einen tiefen Denkprozess anzustoßen:
Vor ein paar Wochen habe ich im Rahmen einer Veranstaltung zufällig einige ehemalige ArbeitskollegInnen getroffen.
Menschen, mit denen ich über viele Jahre hinweg im selben Unternehmen gearbeitet habe.
Ich selbst bin vor 6 Jahren gegangen. Nach 30 Jahren im Unternehmen. Nicht, weil ich damals einen fertigen Plan in der Tasche hatte, sondern weil ich endlich den Schritt in die Selbständigkeit wagen wollte.
Eine ehemalige Teamkollegin arbeitet heute immer noch dort. Ich habe mich sehr gefreut, sie wiederzusehen, und wir kamen ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie in der Firma im Grunde keinen wirklichen fixen Arbeitsplatz mehr hat. An den zwei Tagen, die sie pro Woche ins Büro kommt, sucht sie sich einen Platz der gerade frei ist. An den restlichen Tagen arbeitet sie im Homeoffice.
Und während unserem Gespräch sagte sie dann den einen Satz, der sich in mein Hirn eingebrannt hat:
"Ich hab eh nur noch 2 1/2 Jahre. Das schaffe ich schon!"
Ich habe diesen Satz nicht als Klage verstanden, und vielleicht war er sogar pragmatisch gemeint. Dennoch hat er etwas in mir ausgelöst
Zwei Menschen - Zwei Wege
Sechs Jahre zuvor hatte ich selbst an einem beruflichen Übergang gestanden. Nach drei Jahrzehnten in ein und derselben Organisation war vieles vertraut: Strukturen, Aufgaben, Menschen, Rollen, Erwartungen. Auch wenn nicht immer alles einfach war, wusste ich, wie die Dinge funktionieren. Und mit meiner Selbständigkeit fiel vieles davon weg.
Plötzlich war ich es, die herausfinden musste, wie ich eigentlich arbeiten wollte.
Welche Aufgaben passen zu mir?
Welche Menschen, welche Organisationen sprechen mich an?
Was kann ich gut?
Was möchte ich keinesfalls mehr?
Welche Art der Zusammenarbeit entspricht meinen Vorstellungen?
Und dann noch die vielleicht schwierigste Frage:
Was bin ich beruflich noch wert, wenn mir keine Organisation mehr durch eine Funktion oder Position einen Teil meiner Identität vorgibt?
Damals dachte ich wirklich nicht, dass ich, sechs Jahre später auf diese Zeit zurückblickend, sagen würde:
Diese Jahre waren nicht einfach eine Phase der Selbständigkeit. Sie waren eine Phase des "Sich Erkennens".
Selbständigkeit ist nicht nur Freiheit!
Als der Ehemann meiner damaligen Kollegin sich unserem Gespräch zuwandte, war seine erste Frage:
"Na, wie läuft das Geschäft?"
Ich war zugegebenermaßen im ersten Moment perplex. Ich antwortete sinngemäß, dass Selbständigkeit für mich bedeute, ständig in Bewegung zu bleiben, agil zu sein, sich immer wieder auf Neues einzustellen.
Das stimmt.
Und es war auch nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was ich eigentlich hätte erzählen können.
Ich hätte erzählen können, dass ich in diesen sechs Jahren gelernt habe, mich selbst genauer wahrzunehmen.
Dass ich vieles ausprobiert habe und daran gewachsen bin.
Dass ich gelernt habe, welche KundInnen ich anziehe und mit welchen Menschen ich wirklich gut arbeiten kann.
Dass ich begonnen habe, meinen eigenen Wert anders zu betrachten.
Und dass berufliche Veränderung manchmal viel weniger mit einem neuen Job oder einer neuen Tätigkeit zu tun hat, als wir zunächst glauben.
Manchmal verändert sich in einem beruflichen Übergang nicht nur das, was wir tun, sondern das Bild davon, wer wir wirklich sind.
Nur noch 2 1/2 Jahre
Vielleicht ist genau deswegen dieser Satz bei mir hängengeblieben.
"Noch 2 1/2 Jahre - das schaff ich schon."
Vielleicht bedeutet er einfach: Ich habe ein Ziel vor Augen und bis dahin halte ich durch!
Vielleicht bedeutet er aber auch:
Ich möchte jetzt nichts mehr verändern. Ich möchte diese Phase zu Ende bringen.
Beides ist legitim.
Und doch zeigt sich darin etwas, das mir in Geprächen über berufliche Übergänge immer wieder begegnet:
Menschen gehen sehr unterschiedlich mit Veränderungen um.
Die einen wollen Sicherheit möglichst lange erhalten. Andere beginnen, innerhalb bestehender Strukturen, etwas Neues aufzubauen. Und wieder Andere verlassen den vertrauten Rahmen und machen sich auf den Weg, ohne genau zu wissen, wohin dieser Weg führt.
Es gibt dabei kein richtig oder falsch.
Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied:
Ob wir Veränderung nur bewältigen oder ob wir sie auch als Entwicklungsraum begreifen.
Was passiert bei beruflichen Übergängen ?
Gerade in späteren Berufsphasen wird diese Phase interessant. Nach vielen Jahren in einem Unternehmen ist Arbeit häufig weit mehr als Erwerbsarbeit.
Sie gibt Struktur
Sie schafft Zugehörigkeit
Sie vermittelt Anerkennung
Sie gibt uns eine Rolle
und sie beantwortet zumindest teilweise die Frage: Wer bin ich in dieser Welt ?
Wenn sich innerhalb einer Organisation Strukturen beginnen zu verändern, kann etwas ins Wanken geraten, das auf den ersten Blick nichts mit der eigentlichen Aufgabe zu tun hat.
Ein Arbeitsplatz verschwindet
Eine Abteilung wird umgebaut
Eine Führungsposition verändert sich
Homeoffice verändert Begegnung
Generationen kommen zusammen, mit unterschiedlichen Vorstellungen von Arbeit, Verbindlichkeit und Entwicklung
Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Prozesse.
Es geht um Identität, Zugehörigkeit und Vertrauen.
Vertrauen entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen
Das ist einer der Gründe, warum mich berufliche Übergänge so interessieren.
Nicht nur die Frage. "Was ändert sich organisatorisch?" Sondern vielmehr:
"Was macht diese Veränderung mit den Menschen?"
Fühlen sie sich gesehen ?
Werden ihre Erfahrungen gehört ?
Wird ernstgenommen, was sie über viele Jahre aufgebaut haben ?
Bekommen sie Orientierung, wenn Vertrautes wegfällt?
Und haben sie ausreichend Sicherheit, um Neues auszuprobieren?
Für mich entsteht Vertrauen dort, wo Menschen sich gesehen, gehört und ernstgenommen fühlen.
Das gilt für eine Neuorientierung ebenso wie für die Zusammenarbeit im Alltag
Übergänge brauchen nicht nur Mut, sie brauchen Resonanz.
Wenn wir über berufliche Veränderung sprechen, reden wir häufig über Mut, Resilienz und Eigenverantwortung.
Das sind wichtige Fähigkeiten, doch sie reichen nicht immer aus.
Menschen brauchen auch ein Umfeld,
in dem sie ihre Fragen stellen dürfen
in dem Unsicherheit nicht sofort als Schwäche interpretiert wird
in dem unterschiedliche Lebensphasen und Perspektiven Platz finden
und in dem Kommunikation nicht erst dann beginnt, wenn bereits etwas eskaliert ist.
Vielleicht liegt gerade darin eine der großen Herausforderungen unserer aktuellen Arbeitswelt:
Wie schaffen wir Strukturen, in denen Menschen auch während Veränderug handlungsfähig bleiben ?
Wie bauen wir Brücken zwischen Generationen ?
Wie geben wir Menschen Orientierung, ohne ihnen Entwicklung abzunehmen ?
WIe können Organisationen Stabilität ermöglichen, obwohl sich die Arbeitswelt ständig verändert ?
Und wie gelingt es, Menschlichkeit nicht als "weichen Faktor" zu behandeln, sondern als Grundlage guter Zusammenarbeit ?
Mein eigener Weg hat mir dafür eine andere Perspektive gegeben
Heute weiß ich: Ich habe diese sechs Jahre gebraucht
Ein beruflicher Weg muss nicht linear sein, um stimmig zu sein.
Vor sechs Jahren bin ich nach 30 Jahren aus einem Unternehmen gegangen und in die Selbständigkeit gestartet.
Heute, sechs Jahre später, bewege ich mich erneut.
Mein privater Lebensmittelpunkt verändert sich. Und damit verändert sich auch die Frage, wie ich künftig arbeiten werde.
Eine Teilzeitstelle wird wieder Teil meines beruflichen Weges sein. Neben dem, was aus meiner Selbständigkeit entstanden ist.
Früher hätte ich vielleicht gedacht, das sei ein Schritt zurück - heute sehe ich es anders.
Wir dürfen immer wieder neu entscheiden.
Wir dürfen Erfahrungen mitnehmen, ohne an alten Entscheidungen festhalten zu müssen.
Wir dürfen SIcherheit suchen, ohne unsere Eigenständigkeit aufzugeben.
Und wir dürfen eine neue berufliche Rolle annehmen, ohne die eigene Entwicklung der vergangenen Jahre zu verlieren.
Vielleicht bedeutet berufliche Neuorientierung deshalb nicht immer, etwas hinter sich zu lassen,
Vielleicht bedeutet sie, das, was wir geworden sind, neu zusammenzufügen.
